wie siehst Du die Situation ?

heute früh, 11.04.2020 gegen 9 Uhr, mitten in der “Corona-Situation”, ich stand gerade in der Schlange vor der Bäckerei in die immer nur 2 hinein durften, fragt mich eine gute Bekannte:

Wie siehst Du die Situation ?

nach einem kleinen Joke, den sie mir nicht verübelte (ich hielt meine Hände wie ein Fernglas vor meine Augen und sagte: So sehe ich das grad..) ergänzte sie ihre Frage, indem sie von ihrer angst erzählte, die mit der aktuellen Situation und ihren Werten, der Demokratie usw.  und deren momentanen Einschränkungen zu tun hat.

Zur Erklärung für später wie es derzeit ist/empfunden wird: derzeit gibt es viele Einschränkungen unserer an sich in der Verfassung garantierten Rechte auf Grund der offiziell diagnostizierten Corona-Pandemie und Epidemie.. verordnete Quarantäne bis 14 Tage für Verdachts-Fälle und Infizierte, Kontaktsperren und Ausgangssperren, Reiseverbote, Grenzen geschlossen, Geschäfte und vieles mehr Zwangs-Geschlossen und und..

Und zum Verstehen dazu: wie individuell die Wahrnehmung dazu und überhaupt ist sehe ich schon dadurch, dass ich nahezu keine Einschränkung empfinde: selbst dass mein Geschäft zu sein muss ist oki für mich, weil ich wirtschaftlich dadurch nicht gefährdet bin und weil ich sowieso schon vor der verordneten Schließung überlegt hatte wegen der allgemeinen Situation evt. 2-3 Wochen Betriebsurlaub zu machen. in 22 Jahren hatte ich bisher max. 2 Tage am Stück geschlossen wenn ich hätte öffnen können. Und im sonstigen Leben schränkt es mich nahezu nicht ein, da ich weder verreisen will, noch sonstige Aktivitäten im Alltag betreibe, die nun nicht gehen. Mein immer einfacher gewordenes Leben ist ziemlich kompatibel mit den derzeitigen “Einschränkungen”. Natürlich beeinflusst das meine Sichtweise. Wäre meine persönliche Situation anders wäre es wahrscheinlich meine Sichtweise auch.

Zurück zur Bäckerei-Schlange und meiner Sichtweise, die ich der Bekannten zu vermitteln versuchte:
alles was sich abspielt, spielt sich letztlich nur in unserem Geist in unseren Gedanken ab. Angst ist nicht irgendwo da draußen.. nein sie ist “nur” in unseren “Köpfen”.
und – vielleicht leider – vielleicht zum Glück – was sich da in unserem Geist abspielt das wird (oft) unsere Realität. Soll heißen: aus meiner Sicht gefährdet in Wirklichkeit nichts so stark die Demokratie wie unsere Angst um die Demokratie.

Also sollten wir in unseren Gedanken besser keine Angst um die Demokratie haben sondern sie lieber mit Demokratie-stärkenden Gedanken unterstützen.

Dann war ich dran in die Bäckerei zu gehen oder die Schlange zu verlassen. Und das zu kaufende Brötchen war mir in dem Moment wichtiger als unsere Demokratie ggg. Ich habe ich also kurz mit den Worten verabschiedet, dass wir bei Bedarf das Gespräch gerne anderweitig fortsetzen können.

Am kurzen Heimweg ( es sind gerade mal 150m zu Fuß ) und zu auch zu hause bis jetzt ist es in meinen Gedanken, dieses Thema. Es ist ja auch allgegenwärtig und dank der Frage vor der Bäckerei kann ich es mir nun anders anschauen:
wie sehe ich diese Situation ?

die Bekannte hat vor nicht all zu langer Zeit mit einer kleinen Initiative wohnort-nahe gegen die Bebauung eines Platzes gekämpft. Sie und ihre Mitkämpfer sahen sich im Recht, ihre Rechte gefährdet wenn das Bauprojekt so wie geplant durchgeführt worden wäre. Die Menschen die das Projekt für positiv und richtig erachteten, also auf der s.g. anderen Seite Standen, sahen es aber genauso: sie sahen sich im Recht für dieses Projekt zu kämpfen. Schon das alleine zeigt: es gibt keine richtige  oder falsche Sichtweise, es gibt verschiedene und je nach meiner Situation werde ich die eine oder die andere für die richtige halten.

Selbst bei den Begriffen Demokratie usw. scheint da für mich so zu sein.

Und dann ist da noch ein neuer, vor der Bäckerei mir noch nicht bewusster Aspekt:
wir kämpfen für die Demokratie weil wir das für das Richtige halten. Oki. Nur .. ist es wirklich das Richtige ? wir standen beim Sprechen nur ca. 50m vor unserer großen Kirche. Und im Hauptgebet das sicher viele von uns schon oft  gebetet haben oder hatten ist für mich einer der wichtigsten Sätze: DEIN Wille geschehe ( von mir so interpretiert: .. weil ich – ich als Mensch und Ego – gar nicht wissen kann was für mich wichtig uns richtig ist. deswegen.. wie in dem Gebet bitte ich Gott.. keine von mir ferne oder fremde Instanz.. sondern in meinen Gedanken bin ich eins mit Gott.. aber dazu ein anderes Mal gerne mehr..).

“Dein Wille geschehe”, also rufe ich eine höhere Instanz ( von mir, in mir.. die auch ich bin.. ) an und bitte sie – jenseits von meinem Ego, jenseits von meinem Willi, meinem kleinen ich ) rufe ich mein ICH an mit der >Bitte mir zu zeigen was wirklich ist. Dabei kann dann herauskommen, dass eben jetzt gerade richtig ist (manche Lehrer sagen auch: es ist immer richtig was gerade ist, sonst wäre es anders.. damit ist nicht das gemeint was kommt, sondern das was gerade ist..), dass diese Dinge geschehen weil diese Veränderungs-Phase notwendig ist um in das zu gelangen was ansteht.

Dabei fällt mir gerade eine kleine Geschichte ein, die ich für wahr halte:
ein Biologe hat immer wieder beobachtet wie anstrengend und scheinbar schmerzhaft es ist für der Schmetterling sich durch den engen Geburtskanal aus der Raupenhülle, dem Konkon zu heraus zu kämpfen.
Wie viel einfacher wäre es für ihn wenn dieser Kanal nicht so eng wäre. Also hat der mit einem kleinen Schnitt bei einigen Raupen den Kanal vergrößert und konnte beobachten wie viel leichter und Schmerzfreier das Herausschlüpfen nun gelang.
Er erfreute sich an den jungen Schmetterlingen und freute sich auch für sie als sie nun auf dem Ast sassen, bereit loszufliegen. Nur .. wie lange er auch wartete, sie flogen nicht los. Bis er merkte dass etwas nicht stimmt und alles nochmals überprüfte mit dem Ergebnis: beim durchzwängen durch den engen Kanal lösen sich die Flügel, die im Konkon noch aneinander kleben, voneinander. Durch sein Eingreifen kamen die Schmetterlinge leichter heraus allerdings blieben ihre Flügel verklebt und sie konnten dann nicht fliegen

Diese kleine Geschichte (egal ob sie sich wirklich so abgespielt hat..) zeigt mir wie wenig wir doch von all dem wissen was wirklich ist. Und so wissen wir auch nicht warum Dinge so oder so geschehen.
Ähnlich dem Regenwurm der sicher das Umgraben des Gartens im Herbst oder Frühjahr nicht mögen würde wenn er wie wir es gewohnt sind alles bewerten würde, weil ja seine gewohnte Umgebung verliert, sich alles verändert, das Obere nach unten kommt und umgekehrt. Dass es notwendige Veränderungen sind für die weitere Entwicklung kann er, wie auch wir sehr oft, nicht sehen.

Oft erkennen wir erst im Rückblick warum etwas sinnvoll war, zum Beispiel ein Unfall den wir hatten, ein Verlust, eine Krankheit oder oder.

Und so kann es gut sein, bzw,. weiß  ich, dass gerade die Veränderungen die wir heute oft als Bedrohung sehen zu mindestens die Chance in sich tragen etwas Neues zu erschaffen, von dem wir vielleicht heute noch gar keine Ahnung haben, es nicht kennen oder nicht daran denken. Auf jeden Fall ist das Festhalten an Gewohntem und lieb gewonnenem dann mit Schmerzen verbunden wenn es an der Zeit ist dass Neues kommt. Das nennen wir dann Veränderung und zu jeder Veränderung gehört das Loslassen des Gewohnten. Wer sagt uns dass es nun nicht an der Zeit ist alte Werte, z.B. die Demokratie – zu mindestens sowie wir sie seither kennen – hinter uns zu lassen für etwas noch besseres ?

Zu mindestens können wir heute schon sehen dass die Demokratie heutiger Prägung nicht das Optimale ist. Wie könnte sonst noch immer soviel Leid da sein, soviel Ungerechtigkeit, soviel Krieg und Unfrieden.

Deswegen heißt es für mich: keine Angst zu haben vor dem was ist und kommt, sondern heute eine Vision dessen zu entwickeln wo es hingegen soll. Nicht das “wie soll das denn gehen” steht dabei im Mittelpunkt unseres Denkens, denn das WIE können wir ja nur aus unserer heutigen sich sehen, sondern das WOHIN soll es gehen sollte im Mittelpunkt unserer Gedanken – unserer Visionen stehen.